
Solidarisch einkaufen: Verantwortung teilen bei FAIRVERPACKT in Potsdam
23. Februar 2026
Herr Merz, bitte 1 Gehalt
Wie Unverpacktläden Care-Arbeit für Zukunft und Gesellschaft leisten.
Deutschlandweit gibt es derzeit etwa 160 Unverpacktläden – inhaber:innen- oder gemeinschaftlich geführt. Es gibt also mindestens 160 Personen, die sich bewusst dazu entschieden haben, dem Sinn und Zweck ihres Tuns mehr Wichtigkeit als ihrem Einkommen beizumessen. Denn eins ist sicher: wer in der heutigen Zeit in einem Unverpacktladen tätig ist, weiß: Reich wird man damit nicht. Die Motivation ist keine finanzielle, sondern eine ideelle. Wir Ladner:innen arbeiten für das Ideal einer Gesellschaft, das in unseren Augen möglich ist: zukunftsfähig, solidarisch, suffizient. Nach diesen Leitlinien richten wir unser Handeln und unseren Handel aus und erst danach kommt die Frage nach Umsatz und Profit. Gesellschaftlich hoch effizient – wirtschaftlich nur so halb.
Sind Unverpacktläden wirklich nur Akteure im Einzelhandel?
Klar, wir sind Handelstreibende, der Gewinn, den wir durch den Verkauf unserer Ware erzielen, ist quasi unser Gehalt. Aber ist das wirklich alles, was wir sind? Wir Unverpacktläden sind so viel mehr als reiner Einzelhandel.
Wir leisten Bildungsarbeit, weil wir jeden Tag versuchen, Nachhaltigkeit verständlich zu machen. Wir tragen zur Gesundheitsförderung bei, indem wir über gesunde Lebensmittel aufklären, biologisch angebaute und oft rein pflanzliche Produkte anbieten und durch unser Unternehmenskonzept den Eintrag von Mikroplastik in unsere Ernährung minimieren. Wir leisten Kultur- und Netzwerkarbeit, wenn wir ein Cleanup- oder Urban-Gardening-Projekt vorstellen. Wir pflegen Gemeinschaft und Nachbarschaft, wenn wir vom nächsten Flohmarkt erzählen oder die Äpfel aus dem Garten von Kundin Kathrin an Kunden Klaus weitergeben, der ihr wiederum beim Rasenmähen hilft. Wir leisten Gefühlsarbeit, wenn Kund:innen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Plaudern, zum Dampf ablassen oder zum Mut machen zu uns in den Laden kommt – ein nettes Lächeln gibt es immer gratis dazu. Durch unsere Produktauswahl unterstützen wir faire, transparente und resiliente Lieferketten und werden zu lokalen Wirtschaftsförder:innen. Wir leisten Multiplikator:innen-Arbeit, sind Galionsfiguren im Kiez und geben wieder und wieder Denkanstöße, wenn wir von unserem Balkonkraftwerk, der Solidarischen Landwirtschaft oder unserer letzten Urlaubsreise mit der Bahn erzählen.
Ganz zu schweigen von der Umweltentlastung, denn durch so einen Unverpacktladen entsteht 84 % weniger Verpackungsmüll. Kurze Lieferwege sparen Transportemissionen, Biolebensmittel und Naturkosmetik vermeiden Tonnen an synthetischen Pflanzenschutzmitteln und erdölbasierten Zusatzstoffen, bedarfsgerechtes Angebot vermeidet Lebensmittelverschwendung.
Wie fair ist ein Markt, der Verantwortung nicht belohnt?
Wir konkurrieren preislich mit Unternehmen, deren Preise deshalb so niedrig sind, weil ein großer Teil der tatsächlichen Kosten auf die Allgemeinheit ausgelagert wird.
- Entsorgung von Verpackungsmüll in der Umwelt → Trägt die Allgemeinheit über Gebühren der kommunalen Entsorgungsbetriebe
- Gesundheitsfolgen, z. B. durch Mikroplastik und ungesunde Ernährung → Tragen Beitragszahlende durch ihre Beiträge an Kranken- und Pflegeversicherung
- Umweltbelastungen, z. B. durch Nitrat- und Pestizideintrag in Böden und Gewässer → Tragen Bürger:innen, z. B. durch höhere Gebühren für Trinkwasserversorgung
- soziale Vereinsamung, z. B. befördert durch Online-Shopping und Lieferservices, die ohne soziale Interaktion auskommen → Begegnungsangebote durch Kommunen und zivilgesellschaftliche Initiativen
- CO₂ -Emissionen → Kosten tragen zukünftige Generationen durch reale Wohlstandsverluste durch Knappheit und höhere Preise
Wir Unverpacktläden hingegen vermeiden durch unsere Produktauswahl und Unternehmensphilosophie aktiv diese Kosten und kommen unserer Verantwortung als Einzelhändler:innen nach. Dabei sind unsere Produkte ohnehin oft teurer, weil Bio-Lebensmittel, Naturkosmetik und faire Produktion mehr Zeit, bessere Rohstoffe und mehr Sorgfalt benötigen als industrielle Massenware im Supermarkt und Discounter. Würden wir noch all unsere Zusatzleistungen in die Waren einpreisen, wären sie schlicht unbezahlbar. Ökonomisch werden wir dafür also nicht entlohnt. Der Markt bezahlt den Warenumsatz — nicht die gesellschaftlichen Folgewirkungen.
Was sind (uns) gesellschaftliche Folgewirkungen wert?
Holen wir einmal den Taschenrechner und addieren den Wert der unsichtbaren Stunden, die wir Ladner:innen leisten:
- Beratungsarbeit (Nachhaltigkeitsberatung, Ernährungsberatung): zirka 7 h/Woche
- Community-/Beziehungsarbeit (Netzwerk, Nachbarschaftspflege, Multiplikator:innenarbeit, Gefühlsarbeit): zirka 5 h/Woche
- kuratorische Mehrarbeit (um das ökologisch bestmögliche Produkt zu finden): zirka 2 h/Woche
- Bildungs-/Überzeugungsarbeit (über die Auswirkungen von Plastik und Mikroplastik, über die Notwendigkeit von Ressourcenschutz, darüber, wie unverpacktes Einkaufen eigentlich funktioniert) zirka 6 h/Woche
Wir landen also bei etwa 20 Stunden Mehrarbeit. Gehen wir von einem Stundensatz für Selbstständige von nur 60 € aus (worüber jede:r Handwerker:in heutzutage müde lächelt), landen wir bei 1.200 € – pro Woche. So kommt für den gesellschaftlichen Mehrwert durch uns Unverpacktläden pro Monat eine stolze Summe von 4.800 € zusammen. Für Arbeit, die teilweise staatliche Aufgabe wäre, die wir aber kostenlos, mit viel Freude und intrinsischer Motivation für die gute Sache gerne übernehmen.
Sollten Staat und Kommunen diese Gemeinwohlarbeit unterstützen?
Klar. Denn unser Job ist genau das: ein Job und weder ein Ehrenamt noch ein Hobby und wir wollen ihn gesichert, sorgenfrei, ohne Blick auf Inflation, Krise und rückwärtsgewandte Politik ausüben. Deswegen sehen wir hier Staat und Kommunen in der Verantwortung, Hebel mit Lenkwirkung zu betätigen.
Zum Beispiel durch:
- Bezuschussung zur Ladenmiete für die Lagerung der Mehrweg-Transportbehältnisse
- Eine Streichung der Mehrwertsteuer auf unverpackte Produkte
- Eine stärkere Internalisierung von ökologischen Folgekosten, sodass verpackte und konventionelle Waren ihren wahren Preis kosten.
- Reduzierte oder gestrichene Gewerbesteuer
- Nutzung öffentlicher Werbeflächen
- Förderung von Unverpacktläden als dritte Orte durch Sozialdividenden oder ökologische Ausgleichszahlungen
Möglichkeiten gibt es – der Wille fehlt. Was der Applaus für Pflegekräfte ist oder der Strauß Blumen am Muttertag, das ist das „So schön und wichtig, dass es Euch Unverpacktläden gibt“ für uns Ladner:innen. Es ist schön, wertgeschätzt zu werden und jede:r einzelne von uns leistet tagtäglich mit Liebe und Leidenschaft all die Arbeit, die unseren Einzelhandel besonders macht.
Noch schöner wäre es, wenn es in unserer Gesellschaft normaler wäre, Carearbeit in jeglicher Form auch finanziell attraktiv zu machen. Also bitte, Herr Merz, einmal Gehalt für uns Ladner:innen.
Chrissi Holzmann
Chrissi Holzmann kümmert sich beim Unverpacktverband um PR und Öffentlichkeitsarbeit. In München lebt sie ihre Überzeugung im eigenen Unverpacktladen Servus Resi.
Du hast noch Fragen? Kontaktiere mich hier: pr@unverpackt-verband.de






