
Gelebte Gemeinschaft: Wie Emmas Unverpackt Fulda anders wirtschaftet
2. Dezember 2025
Solidarisch einkaufen: Verantwortung teilen bei FAIRVERPACKT in Potsdam
Unverpacktes Einkaufen ist mehr als plastikfrei einzukaufen – es ist eine andere Art zu wirtschaften. Immer mehr Läden wählen dafür den gemeinschaftsbasierten Weg. Heute sprechen wir mit Käthe, die mit der FAIRwandtschaft das Konzept der solidarischen Landwirtschaft auf ihren Unverpacktladen FAIRVERPACKT in Potsdam-Babelsberg überträgt.
Wer bist du und welche Aufgaben übernimmst du in eurem Unverpacktladen?
Ich bin Käthe Skurz, Inhaberin und Geschäftsführerin von FAIRVERPACKT in Potsdam-Babelsberg.
Seit wann gibt es euren Unverpacktladen und wie würdest du eure Nachbarschaft beschreiben?
Wir sind 2018 gestartet, damals noch als GbR. Inzwischen führe ich den Laden als Einzelunternehmerin weiter. Geblieben ist ein sehr beständiges Team aus drei Frauen. Wir sind jetzt im siebten Jahr und in unserem Kiez in Potsdam-Babelsberg sind wir eine feste Instanz.
Der Laden liegt in einer kiezigen Gegend, die relativ gut situiert ist, mit einem hohen Bildungsniveau. Direkt in der Nähe gibt es einen Bioladen, eine Biofleischerei, einen Regionalladen und den Wochenmarkt, alles in vielleicht 100, 150 Metern Umkreis. Ich habe das nie als Konkurrenz empfunden. Für mich ist das eine richtig gut funktionierende Koexistenz. Es ist ein sehr angenehmer Space. Hier kann man seinen Alltag vielfältig, reichhaltig und nachhaltig organisieren.
Warum habt ihr euch für gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften entschieden?
Mich hat das Modell eigentlich schon immer gereizt. Schon bei der Gründung war mir klar: Ich will den Laden nicht alleine gestalten. Ehrlich gesagt hatte ich damals noch nicht besonders viel Ahnung von den unterschiedlichen Formen gemeinschaftlichen Wirtschaftens. Aber mir war es von Anfang an wichtig, dass so ein Ort von vielen Menschen getragen werden sollte und nicht an einer einzelnen Person hängt.
Die letzten Jahre waren dann extrem bewegt. Die Pandemie, der Anstieg der Inflationsrate, der Ausstieg meiner Geschäftspartnerin, das war alles ziemlich zehrend. Und trotzdem war der Antrieb, weiterzumachen, immer da. Das lag vor allem an unserem stabilen Team und der Kundschaft.
Gleichzeitig wurde mir immer klarer: Ich will das nicht dauerhaft alleine auf meinen Schultern tragen. Ich habe kein Problem mit Verantwortung, wirklich nicht. Aber Einzelunternehmer:innentum fühlt sich für mich einfach nicht mehr zeitgemäß an. Es ist mir zu hierarchisch, zu unbeweglich. Dass am Ende alles an einer Person hängt, finde ich weder nachhaltig noch solidarisch.
Ich habe lange nach Alternativen gesucht, aber vieles ist erstmal rausgefallen. Eine Genossenschaft zum Beispiel: Bei einem regionalen Haferdrinkproduzenten habe ich gesehen, was das für ein Aufwand ist, so eine Struktur aufzubauen und lebendig zu halten. Das ergibt eigentlich auch erst ab einer bestimmten Größe wirklich Sinn. Das ist von unserer Seite aber kein NEIN. Eine Vereinsstruktur hat auch nicht gepasst, weil wir klar wirtschaftlich unterwegs sind. Eine Vereinsstruktur zu gründen hätte noch extra Kapazitäten benötigt, die wir gerade nicht haben.
Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich brauche jemanden an meiner Seite, um Wirtschaft nochmal anders zu denken. So kam Attila (Unternehmensberater Attila Flöricke, Anm. d. Red.) dazu. Erstmal ganz nüchtern als Beratung. Die Fragen waren „Wie kann ich wirtschaften, ohne mich selbst zu verheizen? Wie kann ich mich neu aufstellen?“ Attila arbeitet schon länger zu gemeinschaftsbasierten Modellen und hat ziemlich genau das benannt, was ich die ganze Zeit als Idee umkreist habe. Das war dann also ein Match.
Natürlich ging das nicht von heute auf morgen. Ich habe bestimmt ein Dreivierteljahr, eher ein ganzes Jahr recherchiert, nachgedacht, abgewogen. Wie sinnvoll ist das wirklich? Wie lässt sich so ein Modell konkret hier in meiner Nachbarschaft umsetzen?
Und ich habe mich mit anderen Unverpacktläden vernetzt, die gemeinschaftsbasiert arbeiten. Priska aus Mannheim und Kathi aus Jena können sich sicherlich noch an unsere stundenlangen Telefonate und meine viele Fragen erinnern.
Irgendwann hat sich dann abgezeichnet, dass gemeinschaftsbasiert eine realistische Option ist für den Start.
Welche Werte sind euch für das gemeinschaftsbasierte Wirtschaften wichtig und wie lebt ihr sie im Alltag?
Wir fangen tatsächlich bei der kleinstmöglichen Struktur an. Im Ladenteam treffen wir Entscheidungen gemeinsam, außer, wir beschließen ganz bewusst, dass ich eine Entscheidung alleine treffe.
Genauso wichtig ist für uns die permanente Kommunikation mit unserer Kundschaft. Wir sind ständig im Gespräch und dabei radikal transparent. Menschen erledigen ihren Alltag im Laden: Sie kaufen Lebensmittel, Dinge des täglichen Bedarfs. Gleichzeitig haben viele kaum eine Vorstellung davon, wie Einzelunternehmen oder Ladenstrukturen wirklich funktionieren. Genau da setzen wir an. Wenn Fragen gestellt werden, beantworten wir sie offen. Auch dann, wenn es gerade schwierig ist. Aber wir bleiben nicht beim Klagen stehen. Wir sagen nicht nur, dass es schwierig ist, sondern überlegen gemeinsam, wie es weitergehen kann.
Schon seit 2018 designen wir unser Sortiment zusammen mit unseren Kund:innen. Das heißt nicht, dass wir auf jeden Zuruf reagieren. Nicht jeder Wunsch, der laut genug formuliert wird, wird automatisch umgesetzt. Aber wir hören sehr genau hin, was da mitschwingt und versuchen herauszufiltern, was für die Gemeinschaft als Ganzes wirklich einen Mehrwert hat.
Neben Transparenz, Ehrlichkeit und Mitbestimmung ist uns auch Spaß extrem wichtig. Der Laden soll ein Ort sein, an dem gute Stimmung entsteht. Nicht im Sinne von „Good Vibes Only“, schlechte Laune darf da sein. Aber wir wollen Freude ausstrahlen, damit Menschen hier eine gute Zeit haben. Das sind auch kleine Dinge: etwas recherchieren, Informationen besorgen, sich einen Namen merken, ein echtes Gespräch führen. Oder einfach merken, dass jemand gerade keinen guten Tag hat und ein bisschen Wärme, einen guten Vibe mitgeben.
Das Herzstück eures gemeinschaftsbasierten Modells ist die FAIRwandtschaft. Erzähl mal!
Rechtlich gesehen bin ich nach wie vor Einzelunternehmerin. Und um diese Struktur herum hat sich unsere Gemeinschaft gebildet, die „FAIRwandtschaft“. Sie ist die tragende Struktur des Ladens, emotional wie finanziell.
Wir sind aber kein exklusiver Mitgliederladen. Jede:r kann bei uns einkaufen. Als FAIRwandte können Menschen sich aber stärker einbringen und den Laden aktiv mitgestalten. Um Teil der FAIRwandtschaft zu werden, zeichnen Kund:innen Anteile. Damit das möglichst niedrigschwellig bleibt, kostet ein Anteil zehn Euro, die Mindestabnahme liegt bei drei Anteilen, also 30 Euro im Monat. Runtergebrochen sind das etwa sechs Euro pro Woche. Und das lässt sich individuell skalieren, je nach Möglichkeit und Bedürfnis.
Diese Anteile funktionieren als Einkaufsguthaben und sind immer an den jeweiligen Kalendermonat gebunden. Es wird nichts angesammelt, nichts übertragen. De facto geben uns die FAIRwandten am Anfang des Monats ein Darlehen, das sie sich über ihren Einkauf im Laufe des Monats selbst wieder abschöpfen. Für uns ist das enorm wichtig, weil es Planungssicherheit schafft: Wir können Fixkosten decken, Ausgaben kalkulieren und bleiben handlungsfähig.
Damit sind wir auch schon wieder direkt beim Thema Transparenz. Wir legen komplett offen, wofür diese Anteile da sind. Was kostet ein Laden wie dieser eigentlich? Welche laufenden Kosten gibt es? Was brauchen faire Arbeitsbedingungen für Angestellte genauso wie für die Geschäftsführung? Und was braucht es, um sich weiterzuentwickeln? Dieses Wissen zu teilen verändert total viel. Es schafft Verständnis für die Realität hinter dem Ladentresen und Verbindung. Ein Einkauf ist dann nicht mehr nur Konsum, sondern das aktive Mittragen einer Struktur.
Wir machen das auch sichtbar im Laden: Wie viele FAIRwandte gibt es gerade? Wo stehen wir? Wie entwickelt sich das Ganze? Damit wollen wir zeigen, dass wir organisch wachsen, auch wenn die Kosten noch nicht komplett gedeckt sind. Obwohl wir nicht profitorientiert arbeiten, müssen wir natürlich trotzdem wirtschaftlich tragfähig handeln. Und genau dafür braucht es dieses permanente Gespräch.
Uns geht es nicht um Profit. Aber wir müssen wirtschaften, um unsere Werte überhaupt vertreten zu können, um ökologisches Handeln möglich zu machen. Für mich heißt Wirtschaften, Ressourcen zu managen – auch monetäre –, um Bedingungen für stabile Nachhaltigkeit aufzubauen.
Mit der FAIRwandtschaft geht es uns letztlich um Wertschöpfung im größeren Sinn. Darum, Dinge weiterzugeben, größer zu denken; nicht nur für die FAIRwandtschaft, sondern für alle. Es braucht Menschen, die vorangehen, die an Neues glauben und bereit sind, Strukturen auszuprobieren.
Das ist für mich das größere Bild. Und mein Gefühl seit etwa einem Jahr ist, dass viele das ähnlich sehen.
Spannend! Welche Rolle spielt Partizipation bei eurer Form des gemeinschaftsbasierten Wirtschaftens?
Partizipation heißt bei uns nicht nur unterstützen und mitmachen, sondern ganz klar auch kritisieren dürfen. Bei unseren regelmäßigen Treffen legen wir die Zahlen offen, sprechen über Vorhaben und über Schwierigkeiten. Gerade aktuell zum Beispiel über die Suche nach neuen Räumen in diesem Jahr. Das sind keine leichten Themen, aber die gehören auf den Tisch.
Und dann passiert etwas Spannendes: Es gibt gleichzeitig Rückhalt und Support, aber auch direkte, manchmal unbequeme Kritik. Wir hatten zum Beispiel Flyer entworfen, und dann kam das Feedback: „Ich würde für euch Flyer verteilen, aber warum sehen die so aus? Warum habt ihr das so formuliert?“ Das muss man erstmal aushalten und sagen können „Stimmt. Da habt ihr recht.“
Unsere Kommunikation läuft auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Bei den Treffen, über unseren Verteiler und auch ganz viel im Alltag direkt im Laden. Wir fragen die FAIRwandten nach ihren Berufen, ihren Leidenschaften, ihren Skills und überlegen gemeinsam, wie daraus Formate entstehen können. Input-Vorträge, Austauschformate, Dinge, die nicht von uns kuratiert oder gesteuert sind, sondern aus der Gemeinschaft selbst kommen.
Genau das sind für uns tragfähige Strukturen. Statt kurzfristiger Beteiligung, Formate, die wachsen dürfen und die wir gemeinsam langfristig halten können und wollen.
Wo geht es hin mit eurem Projekt des gemeinschaftsbasierten Wirtschaften?
Wir haben eine starke Community. Die ist am Start und sagt „wir wollen partizipieren!“. Und das ist großartig. Gleichzeitig bin ich in der aktuellen Rechtsform am Ende immer noch diejenige, bei der alles zusammenläuft. Die Verantwortung lässt sich im Einzelunternehmen nur sehr begrenzt teilen; ganz anders als zum Beispiel in einer Genossenschaft oder einem Verein. Mit einer anderen Rechtsform könnten sich die Menschen viel tiefer und verbindlicher einbringen.
Deshalb stellen wir uns gerade sehr ernsthaft die Frage, wie wir die bestehende Struktur in etwas anderes überführen können. In etwas, das mich aus der Einzelunternehmerinnenschaft herauslöst. Mein Gefühl ist, dass sich das Potenzial der Fairwandtschaft sich im jetzigen Modell nicht vollständig entfaltet. Und es ist auch einfach schwierig zu sagen: „Klar, tobt euch aus – ich trage am Ende die Konsequenzen.“
Unser Ziel ist deshalb, das Projekt juristisch von meiner Person zu entkoppeln. Wir haben richtig Lust darauf, Verantwortung und Weiterentwicklung auf mehr Schultern und Köpfe zu verteilen.
Den weiteren Ausbau der FAIRwandtschaft zu einer Genossenschaft reizt uns schon sehr 🙂
Was sind deine größten persönlichen Learnings beim gemeinschaftsbasierten Wirtschaften?
Dass das alles richtig viel Arbeit ist. Und dass es kein Copy & Paste gibt. Klar, rechtliche Strukturen, AGBs und so kann man übernehmen. Aber das Entscheidende ist, dass du deine Umgebung kennst. Wie ticken deine Leute, was brauchen sie, was bringen sie mit? Und ich musste lernen, mich davon zu verabschieden, dass es darum geht, dass ein Projekt „durch die Decke geht“. Der Hype ist nicht der Punkt. Die Gemeinschaft ist es und vor allem Kontinuität.
Von Anfang an hatte der Laden auch eine Erklärfunktion und ist Wissensplattform. Die Wissensvermittlung hört nicht auf, sie zieht sich wie ein roter Faden durch alles. Und genau darum geht es ja: die Idee von ressourcenschonendem, gemeinschaftsbasiertem Wirtschaften weiterzudenken und weiterzutragen. Sie aus der Hippie-Ecke rauszuholen und als ernsthafte Alternative zu zeigen. Das braucht Geduld und ein immerwährendes Gespräch. Mir ist dabei wichtig, nicht in einer Bittstellerinnen-Position zu landen, sondern klar zu sagen “So, wie Wirtschaft aktuell funktioniert, funktioniert sie nicht. Und wir testen hier ganz konkret eine andere Möglichkeit.”
Wir machen das hier in Babelsberg und sehen, wie viele andere Projekte bereits gemeinschaftsbasiert wirtschaften. Und wie unterschiedlich das aussehen und sich entwickeln kann. Dafür braucht es Vorstellungskraft und Visionen, die man teilt. Denn du kannst nur so gut sein wie dein eigener Wissens- und Erfahrungsstand, deine Neugier und Mut. Ja, auch Mut zum Scheitern.
Veränderung passiert dabei nicht über Nacht. Sie passiert auf kleiner Fläche, im Ausprobieren. Vielleicht skaliert sie irgendwann. Aber selbst dann würde das System dahinter nicht einfach sofort einstürzen und Platz machen für das Neue. Auch diese Realität muss man aushalten.
Mein größtes Learning ist deshalb: dranbleiben. Geduld haben. Weiterlernen. Und vor allem: das alles nicht alleine machen, sondern gemeinsam mit anderen.
Gibt es etwas, was du Menschen, die sich auch auf den Weg begeben möchten, mitgeben möchtest?
Taucht richtig tief in die Idee ein und vernetzt euch. Kontaktiert alle, die dieses Konzept oder ähnliche Formate schon ausprobieren. Stellt krass viele Fragen. Bittet um Transparenz, auch bei den Zahlen. Geht mit einem umfangreichen Fragenkatalog in Gespräche und traut euch, auch die unbequemen Fragen zu stellen. Der Austausch mit anderen ist der eigentliche Goldstaub. Wir müssen nicht jedes Mal wieder bei null anfangen, wenn da draußen schon so viel Wissen und so viele Ressourcen vorhanden sind.
Macht es nicht alleine. Ob ihr euch für eine professionelle Beratung entscheidet, jemanden aus eurem Umfeld ins Boot holt oder einen offenen Aufruf nach Support startet, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass ihr es nicht alleine durchzieht.
Wenn ihr euch entscheidet, es alleine zu machen, ist das aber auch okay. Dann seid euch nur bewusst, dass das sehr viel Zeit kostet, vor allem am Anfang. Das kommt on top zu allem anderen.
Ein Punkt ist mir bei all dem extrem wichtig: Achtet darauf, aus welcher Energie heraus ihr startet. So einen Prozess sollte man nicht aus einem Mangel heraus initiieren. Nicht aus Erschöpfung oder mit Panik im Nacken. Startet aus einer stabilen, positiven Energie heraus mit Neugier und einem inneren Ja.
Hab vielen Dank für das Gespräch!
Lisa Schulze
Lisa ist überzeugt: Die gute Zukunft für alle entsteht dort, wo Menschen gemeinsam und solidarisch handeln. Sie liebt Nachbarschaftsnetzwerke, in denen Menschen füreinander da sind – mit Zucker für Pfannkuchen, guten Büchern im Kreislauf und mit Zeit für gegenseitige Unterstützung. Für das Online-Magazin des Unverpacktverbandes spricht sie mit Unverpacktläden, die gemeinschaftlich wirtschaften und neue Wege gehen – gemeinschaftlich, nachhaltig, zukunftsfähig.
Du hast noch Fragen? Kontaktiere mich hier: office@unverpackt-verband.de




